Gedenktafel erinnert nicht nur: Antisemitismus ist ein Problem von heute

Ortsgemeinde Attenhausen erinnert mit Gedenktafel an deportierte Einwohner der Gemeinde

ATTENHAUSEN/RHEIN-LAHN. (7. Februar 2019) Mit einer Gedenktafel am Rathaus wird in Attenhausen jetzt an die ehemaligen Einwohner der Gemeinde jüdischen Glaubens erinnert, die zwischen 1933 und 1938 verfolgt, enteignet und deportiert wurden. Zum Holocaust-Gedenktag enthüllte Ortsbürgermeister Volker Feldpausch die Bronzetafel mit 13 Namen dieser Menschen, die bis 1944 in Konzentrationslagern oder osteuropäischen Ghettos ermordet wurden.

„In einer Gemeinschaft wie unserem Dorf wurden und werden gern Feste zu Jubiläen von Vereinen und Gemeinde gefeiert“, so der Ortschef. „Die feiern wir gerne und darauf können wir stolz sein.“ Aber es gebe auch dunkle Punkte in der Vergangenheit, die genauso dazugehören und nicht verschwiegen werden dürften. „Die Gedenktafel soll uns und die nachfolgenden Generationen mahnend erinnern, auf dass sich so etwas nie wieder wiederholt“, sagte Feldpausch während der Gedenkfeier. 

„Antisemitismus ist in unserem Land wieder salonfähig geworden und dringt immer weiter in die Mitte der Gesellschaft vor“, sagte Gemeindepfarrerin Antje Dorn während der Einweihung. Ob auf dem Schulhof oder im Internet – unsägliche Vorurteile aus dem Mittelalter machten heutzutage wieder die Runde; ohne jegliches Wissen über das Judentum hielten Menschen hartnäckig an Abschätzigkeiten fest. Unter Polizeischutz stehende Synagogen, Handgreiflichkeiten und die Angst, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen, machten deutlich: „Es ist kein Problem von damals, es ist ein Problem von heute“. Christen müssten dabei in besonderer Weise aufmerksam sein. „Der Jude Jesus ist unser Erlöser“, so die evangelische Theologin. 

Die biblische Forderung, sich von Bitterkeit, Zorn, Geschrei und Bosheit fern zu halten und dagegen freundlich, herzlich und vergebend miteinander umzugehen, sei klar. „Wir sollen als Kinder Gottes leben, einander als Menschengeschwister respektieren und füreinander Friedenswege suchen.“ Christen dürften beim Blick in die eigene Geschichte nicht schweigen; sie seien verpflichtet, im engsten Umfeld, in den Gemeinden und wo immer nötig gegen jede Form von Antisemitismus aufzustehen, so Dorn. 

Die „Chronik Bad Ems-Katzenelnbogen-Limburg“ hatte Ruth Matern auf die Spur der ehemaligen Einwohner Attenhausens gebracht. In der wurde von acht Opfern des Holocaust aus der Gemeinde berichtet. „Die Besuche in Konzentrationslagern haben mich immer tief bewegt; gleichzeitig aber auch die Frage aufgeworfen, was ich eigentlich konkret tun kann“, erklärt die Attenhäuserin zu ihrer Motivation, sich in mühevoller Recherchearbeit auf Spurensuche zu begeben und die Personen, deren Namen jetzt auf der Gedenkplatte stehen, ausfindig zu machen. Nachdem der Gemeinderat einstimmig Grünes Licht für eine Gedenktafel gegeben hatte, interviewte Matern ältere Einwohner nach ihren Erinnerungen und durchforstete akribisch die „Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer“ der Gedenkstätte Yad Vashem. Dort recherchierte sie Geburtsdaten, Leidensstationen, teilweise Transportnummern, Todeszeitpunkte und die Orte der Vernichtung. „So konnte ich in einer Dokumentation die genauen Daten von 13 Menschen an den Ortsbürgermeister geben.“ Das älteste Opfer war 77 Jahre alt, die jüngsten ein Mädchen von 12 Jahren und ein Junge von 16 Jahren. Bernd-Chr. Matern

Zu den Fotos:
Eine Gedenktafel erinnert an die damals 12 bis 77 Jahre alten Attenhäuser, die  1933 bis 1938 verfolgt, enteignet, deportiert und später in Konzentrationslagern ermordet wurden. Fotos: Matern

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