Jetzt stinke ich wieder

Drei Wochen E-Mobil: Aus Widerwille wird wirkliches Interesse an sauberer Fortbewegung

RHEIN-LAHN. (12. August 2019) Ein Jahr lang nutzen Mitarbeitende des Evangelischen Dekanats Nassauer Land ein E-Auto. Kein Hybrid-Fahrzeug, sondern ein Personenwagen, der sich einzig und allein mit gefülltem Akku fahren lässt. Eine Kooperation mit der Energiegenossenschaft Oberes Mühlbachtal (EGOM) macht's möglich, das den Wagen Mitarbeitenden und Sozialstationen zur Verfügung stellt. „Greta-Mobil“ wurde es zwischenzeitlich getauft. Auch die evangelische Öffentlichkeitsarbeit Rhein-Lahn fuhr das Fahrzeug. Hier der Erfahrungsbericht.

Ich gebe zu: Matthias Metzmacher, Pfarrer für Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Nassauer Land, musste lange auf mich einreden, um den Test mitzumachen. Dabei klangen die Argumente und Zahlen, die er und Thomas Schwab von der EGOM der Synode zur Vorstellung des Projektes präsentierten, durchaus schlüssig: Schöpfung bewahren, auch durch viele kleine Schritte. Der Haupt-Hemmschuh waren die eigenen Gewohnheiten und eine gewisse Bequemlichkeit. Zwei Wochen ein Elektro-Fahrzeug austesten? Bei meinem Terminkalender, bei meinen großen Strecken? Ich hatte schon mehr, aber 30.000 Kilometer im Jahr sind ja auch nicht gerade ein Pappenstiel. Wie soll das gehen bei einer Reichweite mit gefülltem Akku von nicht einmal 300 Kilometern? Hier im Hintertaunus, wo es ständig auf und ab geht und es kaum eine Ladestation gibt!? Aber: Wie sollte ich mitreden können oder gar dürfen, wenn ich noch nicht mal bereit bin, diesen Test mitzumachen?

 „Also gut, ich mache mit“, hatte er mich weich geklopft. War da im Hinterkopf am Ende noch die stille Vorfreude, nach einer Woche sagen zu können: „Geht gar nicht!“? Ich erinnere mich nicht mehr, weiß aber eins noch ganz genau: Die Umstellung vom Schaltgetriebe auf einen Automatik – die letzte Fahrt damit ist fast 40 Jahre her – bedeutete testtechnisch die absolut größte Herausforderung. Nachdem ich den Dreh raus hatte, dass man die beiden Pedale nur mit dem rechten Fuß bedienen und den linken am Besten wegbinden sollte, um eine Vollbremsung zu vermeiden, hat der Test eigentlich nur noch Spaß gemacht. Aus zwei wurden freiwillig drei Wochen.

Allein die Beschleunigung ist für einen sportlichen Fahrer jedes Mal eine wahre Freude, ganz gleich, welch kraftvoller Turbo-Diesel oder Benziner da neben einem an der Ampel ebenfalls startet oder am Berg auf Touren kommen will; auch wenn die 200-PS-Maschine das 80KW-Gefährt wenige Sekunden später eingeholt hat. Bei Innenausstattung und Fahrkomfort hält das spritzige E-Mobil locker mit und bietet moderne Technik, die mein drei Jahre alter Benziner noch nicht kennt; Sensoren, die bei dunkler Umgebung automatisch das Licht einschalten, sind ein Beispiel dafür. Der kaum hörbare Elektromotor verwirrt am Anfang etwas; einmal hatte ich vergessen, den Motor per Knopfdruck auszuschalten und mich gewundert, warum sich das Fahrzeug nicht abschließen lässt. Selbst dem Automobilprofi beim Reifenwechseln bescherte es Fragezeichen auf die Stirn, wie er Greta auf die Hebebühne bekommt, weil er nicht merkte, dass der Wagen bereits lief.

Die relativ kurze Reichweite hat in den drei Wochen übrigens kein einziges Mal zu einem Problem geführt. Allerdings erfordert sie natürlich ein gewisses Maß an Planung, welche Fahrtstrecken am nächsten Tag oder besser noch innerhalb einer Woche anstehen. Eine Reihe von Partnern wie die Firma Eaton in Holzhausen, die Verbandsgemeinde in Diez oder die Kreisverwaltung in Bad Ems haben dem Dekanat freundlicherweise ihre Ladestationen zur Verfügung gestellt. Aber selbst das Starkstromladen dauert ein bis zwei Stunden, die sich von normalen Arbeitnehmern, die dort nicht angestellt sind, kaum mit Spaziergängen im Grünen oder in der Stadt kombinieren oder überbrücken lassen.

Also nutzte ich den normalen Stromanschluss in der Garage. Da dauert das Laden von 0 auf 100 Prozent etwa 20 Stunden. Neben dem Blick auf die Tacho-Nadel gehört der auf die noch vorhandene Reichweite deshalb zu den wichtigsten Kontrollen beim Fahren. Dabei ist die gleiche Vorsicht geboten, wie bei Benziner-Armaturen, die einem manchmal mehr Sprit vorgaukeln, als im Tank noch drin ist. Beispiel: Die Fahrt nach Diez startete ich mit einer Akkuleistung für 80 Kilometer; dort angekommen, bekam ich trotz 30 gefahrenen Kilometern immer noch 68 Kilometer Reichweite angezeigt. Nach der flotten Heimfahrt war die Anzeige dann auf 18 verbleibende Kilometer gesunken. Ein Starkstromanschluss ist übrigens in jedem Haushalt, der über einen Herd verfügt, nachrüstbar.

Woher kommt  der Strom?

Da bin ich bei den Bedenken, die mir in den drei Wochen immer wieder begegnet sind. „Wo soll denn der ganze Strom herkommen, wenn wir alle E-Mobil fahren?“, war eine häufig gestellte Frage, so sie denn ernst gemeint und nicht nur rhetorischer Natur war. Um sie zu beantworten, müsste man den Stromverbrauch und die Stromkapazitäten kennen und vorhersagen können. Das kann ich nicht, und die Skeptiker nannten mir auch keine belastbaren Daten. Mir kommt dabei nur der große Pizza-Test in den Sinn. Wenn alle deutschen Haushalte mal eine feste Uhrzeit vereinbaren, für zwei Stunden ihren Herd auf 200 Grad zu heizen, wären wir alle schlauer. Fest steht aber, dass in Deutschland nicht innerhalb eines Jahres 47 Millionen Verbrennungsmotoren gegen 47 Millionen E-Autos getauscht werden dürften. Jedenfalls hat in den 1960-er Jahren die Frage, woher das ganze Öl kommen soll, niemanden davon abgehalten, aufs erste Auto zu sparen. Und in meinem Geburtstort reichte damals eine Zapfsäule aus, um den wenigen Vorreitern des automobilen Genusses immer rechtzeitig den Tank zu füllen; der 5-Liter-Ersatzkanister fuhr ohnehin stets mit.

Heute wissen wir übrigens nicht nur, woher das Öl kommt. Was wir vor 40 Jahren allenfalls ahnten: Wie viel Kriege und Gewalt der Kampf ums Öl in fernen Ländern schon immer ausgelöst hat. Was damals hochrangigen politischen Kreisen bekannt war, können wir mittlerweile am Bildschirm verfolgen: Am Leid, das der Kampf ums Öl bedeutet, hat sich bis heute nichts geändert. Sind wir ohne staatliches Sonntagsfahrverbot deshalb einen Kilometer weniger mit dem Auto gefahren? Auch wenn ich dazu noch keine verlässliche Statistik entdeckt habe, die auswertet, wie viel Tote gewaltsame Auseinandersetzungen ums Öl schon zur Folge hatten: Menschen sterben, damit wir uns fortbewegen können!

Wie werden die Rohstoffe gewonnen?

Damit bin ich bei einem zweiten zu beachtenden Einwand, der mich beim Fahren beschäftigt hat und den Kritiker der E-Mobilität vorhalten: die Rohstoffe, die für die Herstellung eines Akkus gebraucht werden. Dazu zählen Seltene Erden, wie sie auch in Smartphones verwendet werden, die größtenteils durch Kinderarbeit zu Tage befördert werden. E-Mobil-Gegner sehen darin einen wichtigen Grund für ihre Ablehnung. Aber leben wir unseren Wohlstand auf Kosten von Entwicklungsländern wirklich nur, wenn wir Akkus für E-Autos produzieren? Müsste, wer das anprangert, nicht sofort auf sein Smartphone verzichten, anstatt sich alle zwei Jahre ein neues Modell zu leisten? Ist das nicht vielmehr ein wichtiger Grund, sich stärker für gerechtere Bedingungen im globalen Wirtschaften insgesamt und zur menschenwürdigen Förderung von Rohstoffen im Besonderen einzusetzen, anstatt eine umweltfreundliche Technologie zu verteufeln?

Umweltfreundlich? Auch da scheiden sich die Geister. Da ist zum Einen die Ökobilanz von der Herstellung bis zur Entsorgung. Selbst wenn 95 Prozent des Akkus wieder verwendet werden können: Wie lange funktioniert dieser Kreislauf und was geschieht mit dem Rest? Als Tropfen auf den heißen Stein wird zudem der Beitrag deutscher E-Mobilität zum weltweiten CO-2-Ausstoß belächelt. Die Crux: zu viele selbst ernannte Wissenschaftler verstreuen – nach meiner Wahrnehmung sowohl unter E-Mobil-Skeptikern wie -Befürwortern – ihre eigenen Weis- und Wahrheiten in ihre Umwelt. Kein Wunder: Geologen, Chemiker, Physiker und welche Professionen sonst noch belastbare Daten liefern könnten, nutzen ihre Zeit wohl sinnvoller, als soziale Netzwerk-Blasen zum Platzen zu bringen. Ehrlich gesagt, hat mich während der Testphase die Frage nach meinem Beitrag zur Verringerung des CO-2-Ausstoßes am allerwenigsten beschäftigt. Viel naheliegender: Ich konnte den Kofferraum bei „laufendem Motor“ aus- und einräumen, in die Garage hinein und heraus fahren, ohne irgendeinen Gestank in der Nase zu verspüren.  

Abgase können nicht gesund sein

Im Gegensatz zu vielen Facebook-Usern fehlt mir jegliche Kompetenz, zu beurteilen, wie mehr oder weniger sinnvoll oder zufällig die geltenden Emissions-Werte in deutschen Städten festgelegt wurden, und in welchen Straßenzügen mit wie viel Zentimeter Abstand und Höhe zur Fahrbahn eine Messung aussagekräftig ist. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Abgase, die ich an jeder Kreuzung einatme, die ich beim Tanken aufschnappe, geschweige denn, wenn ich meine Nase an den Auspuff halte, für mich, meine Kinder und Enkel gesund sind. Das ist für mich der Hauptgrund, nach dem dreiwöchigen Testfahren vom Skeptiker zum Befürworter der E-Mobilität mutiert zu sein. „Jetzt stinke ich wieder“, war mein erster Gedanke, nachdem ich das Greta-Mobil an die Kollegin abgeben musste.

Mein Fazit: Als Zweitwagen ist ein E-Auto auf dem Land eine echte Alternative. Wer jeden Tag nur 50 Kilometer zwischen Arbeitsplatz und Wohnort fährt, tut seinen Mitmenschen und seinem Geldbeutel etwas Gutes. Ein Hindernis stellt der enorm hohe Anschaffungspreis dar und die mangelnden Erfahrungen, was Lebensdauer, Verschleiß und Reparaturkosten anbelangt. Fürs Leben und Arbeiten auf dem Land wird es absehbar kaum Alternativen zum Individualverkehr geben, wenngleich jungen Menschen der Besitz eines eigenen Fahrzeuges weniger wichtig scheint als das in meiner Generation der Fall ist. Neben Fahrgemeinschaften sind Car-Sharing- und Leasing-Modelle die Zukunft. Wenn die mit Strom statt Sprit betrieben werden, wäre das schon ein Fortschritt, und wenn nur ein Bruchteil der rund 75.000 Autos im Rhein-Lahn-Kreis in den kommenden Jahren gegen elektronisch betriebene ersetzt würden, wäre das sicher ein Gewinn für die Luft, in der wir leben.

Handeln statt Hände in den Schoß legen

Vielleicht werden ja wirklich in den kommenden Jahrzehnten noch umweltfreundlichere Technologien entwickelt, die etwa mit Wasserstoff von A nach B bringen – der Zeppelin war auch nur eine zeitweise Transportalternative in der Luftfahrt. Aber solange deren Entwicklung noch lahmt, kann E-Mobilität erheblich dazu beitragen, zumindest die Luftverschmutzung in unseren Dörfern und Städten zu reduzieren. „Machen statt nur reden“, sagte EGOM-Vorstand Thomas Schwab zu mir. Recht hat er. Hätte ein Nikolaus-August Otto aus Angst, nicht das Optimale zu erfinden, die Hände in den Schoß gelegt anstatt einen neuen Motor zu konstruieren, würde heute kein Museum in sein Geburtshaus nach Holzhausen einladen. Bernd-Christoph Matern

 

Mehr zum Thema erneuerbare Energien liefert ein Umwelttag in Strüth am Sonntag, 8. September, 11 bis 17 Uhr, der mit einem Schöpfungsgottesdienst beginnt. Infos dazu finden Sie hier.

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