Abschied und Neustart auf Abstand

Pfarrerin Claudia Biester aus Welterod musste aufgrund von Corona die Vogtei-Gemeinden im Stillen nach Bad Homburg verlassen

 WELTEROD/RHEIN-LAHN. (20. Mai 2020) So hätte sich Pfarrerin Claudia Biester aus Welterod weder ihren Abschied von den Vogteigemeinden noch ihren Dienstantritt im Hochtaunus in Bad Homburg vorgestellt. Ausgerechnet am Sonntag Kantate, an dem aufgrund der Coronakrise kein Gottesdienst geschweige denn mit Singen stattfinden konnte, endete der Dienst als Gemeindepfarrerin. 2014 hatte Pröpstin Annegret Puttkammer die Theologin an ihrer ersten Pfarrstelle ordiniert. Jetzt zieht sie mit Ehemann und den beiden Kindern nach Weilrod und übernimmt im Dekanat Hochtaunus das Amt der stellvertretenden Dekanin. Die dort geplante Einführung musste ebenfalls abgesagt werden

„Wir haben sehr gern in der Vogtei gewohnt, und den Abschied aus Welterod hatten wir uns ganz anders vorgestellt“, sagt Biester. Gern hätte sie eine richtige Verabschiedung gefeiert, um öffentlich den Menschen Danke zu sagen, denen sie begegnen durfte: „Ich hätte das gern in einem Gottesdienst getan, weil das Rahmen und Horizont bestimmt.“ Und da wäre selbst in normalen Zeiten die Kirche sicher zu klein gewesen. Neben den schon zum Dienstantritt fusionierten Kirchengemeinden Diethardt, Lipporn-Strüth und Welterod kam zum Dienstauftrag später die Kirchengemeinde Oberwallmenach mit Lautert und Rettershain hinzu, insgesamt zehn Ortschaften, die zu Biesters Kirchspiel gehören.

Dankbar blickt sie auf das dort in ihrer Amtszeit gewachsene praktische Miteinander zurück wie das gemeinsame Pfarrbüro. „Wir machen gute Erfahrungen mit einer Kombination aus klassischer und projektbezogener Arbeit, die um Vernetzung, Zusammenarbeit und Kontakt mit anderen wirbt.“ So gebe es in den beiden Kirchengemeinden Welterod und Oberwallmenach ein vielfältiges Gottesdienstleben, aktive und stabile Frauenkreise, eine CVJM-Jungschar fühle sich zu Hause. „Daneben gibt es ein neues Engagement auf dem Weg zum Umweltsiegel Grüner Hahn, was unterschiedliche Leute und Ideen zusammenbringt“, so Biester. Vernetzung gelinge zudem im musikalischen Bereich mit Posaunenchor, der Zusammenarbeit mit Chören, Organisten und dem Dekanatskantor. „Oder auch beim Kindergottesdienst, dem Krippenspiel, in Kooperation mit dem Jugendhaus Hahnenmühle und der katholischen Schwestergemeinde im Kloster Schönau in Strüth“. Überhaupt sei ihr die Verbindung mit der katholischen Kirchengemeinde im Kloster Schönau ans Herz gewachsen. Biester: „Längst hat sich neben geistlicher, ökumenischer Arbeit auch ein alltäglicher, kollegialer Austausch etabliert und eine persönliche Freundschaft.“ Es werde nicht ausbleiben, dass man in Landgemeinden um Kompromisse ringen muss. Aber „Kirche“ sei ja nicht an eine feststehende Organisationsform gebunden. „Insgesamt gibt es hier konkret doch nicht nur schöne Kirchen, Kulturlandschaften und kleine Dörfer, sondern auch ein aufgeschlossenes respektvolles Miteinander.“

Neben der stabilisierten und verputzten Kirche in Welterod und einer Restaurierung der Orgel in Diethardt bleiben Biester viele Veranstaltungen in guter Erinnerung. Beispiele: ein Kaffeehaus-Kirchen-Konzert, Schöpfungsgottesdienste, Waldspaziergänge, fröhliche Jahresempfänge, Jubiläen wie das des Posaunenchores oder des Organisten Adolf Krämer. „Es gibt vor allem die Erfahrung, dass viele Menschen den Kirchengemeinden die Treue halten, ansprechbar sind und ihr Mitmachen anbieten“, resümiert die Pfarrerin und nennt ebenso die hervorragende Zusammenarbeit mit den Ortsgemeinden, Nachbargemeinden und dem Dekanat.

Biester ist bewusst, dass sie an ihrer neuen Wirkungsstätte andere Verhältnisse erwarten. Leicht fiel ihr der Wechsel beileibe nicht. „Ich bin sehr dankbar für Vertrauen und Zutrauen, Kritik, Unterstützung, Zusammenarbeit und Freundschaft“, sagt sie mit etwas Wehmut. Aber da ist auch Vorfreude aufs Neue. In Kirche ändere sich gerade sehr viel. „Ich möchte in diesem Prozess Verantwortung übernehmen und mit anderen gemeinsam Impulse geben zum aktiven, mutigen Umgang mit den inhaltlichen und strukturellen Herausforderungen, in denen Kirche längst steckt und die sich vielleicht jetzt noch beschleunigen.“ Ihre Erfahrungen aus der Vogtei werde sie dabei mit nach Bad Homburg nehmen und in die Arbeit dort einbringen.

Die Pfarrstelle ist mittlerweile ausgeschrieben. Nicht nur Biester freut, dass Pfarrer Armin Himmighofen die Kasualvertretung in der Vakanz übernimmt, ist er doch als ehemaliger Gemeindepfarrer von Oberwallmenach bekannt in der Region. Den Menschen der Vogtei macht die Theologin Mut: „Ich wünsche den Gemeinden Gottvertrauen und getroste Gelassenheit: Er wird’s wohl machen.“ Bernd-Chr. Matern

Zu den Fotos:
Nach knapp sechs Jahren hat Claudia Biester ihre erste Pfarrstelle in Welterod verlassen. Sie ist nun stellvertretende Dekanin des Dekanats Hochtaunus mit Sitz in Bad Homburg. Eine Verabschiedung mit einem gut besuchten Gottesdienst, in dem sie den Menschen noch einmal hätte Danke sagen können, war ihr aufgrund der Corona-Pandemie nicht vergönnt. Bei ihrer Ordination und Amtseinführung 2014 mit Pröpstin Annegret Puttkammer war das anders. Trotzdem ließ es sich Dekanin Renate Weigel nicht nehmen in einer kleinen Andacht der scheidenden Kollegin für ihren Dienst zu danken, ihr Gottes Segen mitzugeben. Symbolisch klappte sie einen Schirm auf mit dem Wunsch, dass sie behütet bleibe unter Gottes Schutz und Schirm.

 

Drucken E-Mail