
Reformation: Glaube ist nichts für Feiglinge
Ex-Präsidentin von Brot für die Welt warnt in St. Goarshausen vor zunehmender Unmenschlichkeit
ST.GOARSHAUSEN/RHEIN-LAHN. (3. November 2026) Eine schonungslose Nennung weltweiter Gräueltaten und ein Frontalangriff auf die Macht- und Geldgier von Autokraten bescherte Cornelia Weitzel-Füllkrug am Reformationstag in der evangelischen Kirche von St. Goarshausen. Die ehemalige Präsidentin der evangelischen Hilfsaktionen Brot für die Welt und Diakonie-Katastrophenhilfe hielt dort die Festpredigt des Reformationsgottesdienst.
„Glaube ist nichts für Feiglinge“, begann die Pfarrerin im Ruhestand ihre Predigt, die dazu aufforderte, Schwache zu schützen und sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen in Würde leben können. In der so genannten Aussendungsrede Jesu, die ihr als Predigttext diente, habe der seine Jünger in die raue Welt geschickt, um zu bezeugen: Eine andere Welt ist möglich. „Diese Mission sollten wir wie Lämmer unter Wölfen ausführen“, betonte die Theologin analog zum biblischen Text. Dazu brauche es einen sicheren Grund unter den Füßen, den Glauben an einen liebenden Gott und das dreimalige „Fürchtet euch nicht“ im Text.
Ihren deutlichen Worten war abzuspüren, dass die renommierte Theologin einst während ihres Studiums die letzte wissenschaftliche Assistentin von Helmut Gollwitzer war, einem bedeutenden Aktivisten der Bekennenden Kirche zur Zeit der NS-Diktatur. Gott gebe nicht den Kriegsmachern recht, sondern deren Opfern. Sie sezierte Verleumdungs-Strategien weltweit regierender Machthaber, um Humanität zu vernichten und alles zu zerstören, was deren Macht- und Vermögenserhalt schadet. Internationale Vereinbarungen wie das Völkerrecht und auch der christliche Glaube stünden unter Verleumdungsdruck. Begriffe wie Sozialschmarotzer oder entartete Menschen verschafften sich Bahn. „Barmherzigkeit braucht keiner, die kostet nur unser Geld“, werde da kolportiert. Eine alarmierende Entwicklung, die im Atlas der Zivilgesellschaft in Zahlen abzulesen ist.
Danach leben gerade nur noch 3,4 Prozent der Menschheit in Staaten, in denen Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit vollständig garantiert sind. 73 Prozent hingegen leben in autoritären Staaten oder Diktaturen, geht aus dem aktuellen Dossier von Brot für die Welt hervor. Vor fünf Jahren waren es danach noch rund 12 Prozent der Menschen, die weitgehend ungehindert ihre Meinung sagen, sich versammeln und gegen Missstände kämpfen konnten. Der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaften werde kontinuierlich beschränkt. Desinformation spiele dabei eine immer größere Rolle.
Wie etwa in Amerika die christliche Hemmschwelle zum Töten gesenkt werde, machte Füllkrug-Weitzel mit einem besonders perfiden Beispiel deutlich, einem Kriegspropaganda-Video. Mit Bildern von Soldaten und schwerem Kriegsgerät hinterlegt rezitiert Verteidigungsminister Pete Hegseth darin das Vater Unser. Füllkrug-Weitzel erinnerte an eine Reihe aktueller Gräuel auf der Welt, die vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit geschehen und stellte in Frage, ob Brückenbauen und der Versuch, nicht ausgrenzen zu wollen, theologisch auch dann gelte, wenn ein mörderischer Geist verbreitet werde. „Wir dürfen uns nicht an Unmenschlichkeit gewöhnen. Wehret den Anfängen“, appellierte die Theologin, dazu zähle auch, sich nicht von der AfD einschüchtern zu lassen. Den „sozialen Grausamkeiten“, weil man nicht die ganze Welt retten könne, stellte sie die Frage entgegen: „Können wir unsere Seele retten?“.
Sich in aller Öffentlichkeit vor den Menschen zu bekennen, sei gefragt. Füllkrug-Weitzel: „Die Zeit des Zuschauens ist vorbei. Der Reformationstag will uns sagen: Wir müssen Farbe bekennen!“.
Pfarrerin Yvonne Fischer, die den Gottesdienst leitete, dankte der prominenten Gastpredigerin für ihre deutlichen Worte. Dann stimmte begleitet von Martin Wagner an der Orgel die Gemeinde ins Luther-Lied „Ein feste Brug ist unser Gott“ ein. Im Anschluss bestand reichlich Gelegenheit, sich über die Thesen und Gedanken Füllkrug-Weitzels auszutauschen. Bernd-Christoph Matern
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Pfarrerin Yvonne Fischer hatte Cornelia Füllkrug-Weitzel (rechts) zum Reformationsgottesdienst nach St. Goarshausen eingeladen, wo die ehemalige Präsidentin von Brot für die Welt mit deutlichen Worten und drastischen Beispielen vor zunehmender Unmenschlichkeit in Deutschland und der Welt warnte. Fotos: Matern
