
Lesung holt Tod und Sterben mitten hinein ins Leben
Autorin von „Radieschen von unten“ sensibilisiert bei ambulanten Hospizdiensten Kinder und Erwachsene kreativ für Tabu-Thema
NASSAU/RHEIN-LAHN. (21. September 2026) „Radieschen von unten“ hat Katharina von der Gathen ihr Kinderbuch genannt, aus dem die Autorin jetzt im Rahmen der Ausstellung „Ach Mensch. Was bleibt?“ vorlas. Der große Raum der ambulanten Hospizdienste in Nassau ist voll besetzt, nicht nur mit Kindern, sondern auch dreimal so vielen Erwachsenen. Auch ihnen wird ebenso kurzweilig, informativ und humorvoll Wissenswertes übers Sterben und den Tod präsentiert.
Geschrieben hat sie ihr Buch, „weil mir so ein Sachbuch zum Thema gefehlt hat“, sagt von der Gathen. Die „Radieschen von unten“ seien dabei nur ein Synonym für ganz viele andere Begriffe, die ihr zum Sterben zugerufen werden: „Ins Gras beißen“, „den Löffel abgeben“, „Abkratzen“. Schon der Beginn macht deutlich: Die Lesung kommt ohne den tabuisierenden Schleier sprachloser Ohnmacht aus, holt den Tod behutsam mitten hinein ins Leben von Erwachsenen und Kindern. Letztere werden zuerst befragt: „Ist euch schon mal ein Haustier gestorben? Wart ihr schon mal bei einer Beerdigung dabei? Woran können Menschen sterben?“, möchte sie wissen.
So unbefangen die Kinder antworten, so selbstverständlich geht von der Gathen das Thema an. Zwischendurch liest sie einzelne Abschnitte aus ihrem preisgekrönten Buch, und im Hintergrund erscheinen jede Menge bunter Zeichnungen von Anke Kuhl, die die 160 Seiten mit fröhlichen Farben illustriert hat. Die bringen immer wieder zum Schmunzeln, wenn da etwa skurrile Todesfälle dargestellt werden oder aus Kindermund amüsante Grabinschriften zitiert werden.
Zum Auflockern für die Beschäftigung mit dem „gar nicht immer so leichten Thema“, wie die Vorsitzende der Ambulanten Hospizdienste Jennifer Ingmann die Anwesenden begrüßt, wird eine Reihe mit Tierbildern gebildet, die deren Lebenserwartung folgt. Sie reicht von Marienkäfer und Meerschweinchen über Pferde, Menschen bis zu Schildkröten und einer sogar unsterblichen Quallenart. Der Nachmittag erinnert an die „Was ist Was?“-Reihe oder „Die Sendung mit der Maus“, die bekanntlich auch unter Erwachsenen beliebt ist, weil es dort Antworten auf Fragen gibt, die sie sich nie getraut hätten, zu stellen. So zeigt die Autorin etwa, welche praktischen Voraussetzungen eine Urne erfüllen muss.
„Der Start ins Leben ist mindestens so spektakulär wie das Ende“, erklärt von der Gathen, und jedes Sterben sei so anders, wie jeder Mensch vorher anders gewesen ist. Ganz viele Personen traf sie zur Recherche für ihr Buch. Palliativmediziner, Friedhofsgärtner, eine Pfarrerin, eine Trauerbegleiterin und ein Bestatter kommen zu Wort, bekräftigen etwa, dass der Tod für Kinder kein Tabuthema sein muss, sondern eher hilft, Trauer zu verarbeiten und den geliebten Verstorbenen in Erinnerung zu behalten. Zum Abschiednehmen blendet sie das bunte Bild eines Bahnsteigs ein, das besonders schön die unterschiedlichen Vorlieben verdeutlicht, sich voneinander zu verabschieden.
Totenmasken zum Ausmalen, selbst gehäkelte sowie echte Radieschen der Gastgeber gibt es mit auf den Heimweg. Eine wahrhaft lebendige Sternstunde im vielseitigen Rahmenprogramm zur Ausstellung „Ach Mensch. Was bleibt?“, die sich noch bis 22. November in der evangelischen St. Kastorkirche Dausenau mit hochkarätiger Kunst, einem Hoffnungscafé und unterschiedlichen Programmpunkten dem Thema Tod und Leben widmet. Mehr Infos zum Programm gibt es auf der Website des Dekanats unter evangelisch-nassauer-land.de. Bernd-Christoph Matern
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Katharina von der Gathen stellte in Nassau kurzweilig ihr buntes Buch „Radieschen von unten“ Kindern und Erwachsenen vor, das ganz unbefangen Sterben, Tod, Abschied und Trauer in den Blick nimmt. Foto: Matern
